Konstanzer Erklärung 2000
"Das Neue Dorf entsteht im Kopf"

Präambel

Zum Kongress "Das neue Dorf" trafen sich 320 Delegierte ländlicher Räume aus elf europäischen Ländern vom 7. bis 9. September 2000 in Konstanz. Ziel des Kongresses war es, gemeinsam über die Zukunft des ländlichen Raumes nachzudenken und dessen Rolle im 21. Jahrhundert zu formulieren.

Im Mittelpunkt der Überlegungen stand, dem ländlichen Raum über das Profil seiner Dörfer neues Selbstbewußtsein zu geben. Am Beispiel von fünf Dorfprofilen wurde dieser Ansatz diskutiert und befürwortet.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren sich einig, dass die sich ständig verändernden Rahmenbedingungen eine permanente Fortentwicklung der Politik für den ländlichen Raum erfordern. Wie alle anderen Standorte muss sich der ländliche Raum als "lernende Region" behaupten: Das neue Dorf entsteht im Kopf.

Zukunft haben Dörfer und Regionen, die den Menschen in den Mittelpunkt aller Entwicklungsüberlegungen stellen und gemeinsam mit ihren Bürgerinnen und Bürgern ein unverwechselbares eigenständiges Profil entwickeln.

Zukunft haben Dörfer und Regionen, die integrierte Ansätze verfolgen, um ihre Stärken zu stärken und ihre Schwächen zu schwächen.

Zukunft haben Dörfer und Regionen, die in Kooperationen und Netzwerke investieren und sich damit eine verlässliche regionale Basis schaffen.

Um die Entwicklung integrierter Konzepte und regionale Kooperationen zu unterstützen, bedarf es der Fortentwicklung und stärkeren Koordinierung öffentlicher Programme und Maßnahmen.

Der Kongress hat gezeigt, dass eine aufgabenorientierte Entwicklung von Dorfprofilen in Verbindung mit regionalen Allianzen Erfolg verspricht. Von den Delegierten wurden dazu fünf erste Dorfprofile formuliert.

Das Bürgerdorf

  • Das Ehrenamt ist und bleibt tragende Säule des kommunalen Lebens. Die Arbeit der ehrenamtlich tätigen Bürgerinnen und Bürger soll durch die Entwicklung einer eigenständigen Anerkennungskultur gewürdigt werden.
  • Das bürgerschaftliche Engagement für bestimmte Projekte oder für eine begrenzte Zeit bekommt immer mehr Bedeutung.
  • Für das Beziehungsgefüge zwischen Verwaltung und Bürgern sollen vermehrt die neuen Kommunikations- und Informationsstrukturen genutzt werden. Zur organisatorischen und technischen Unterstützung des bürgerschaftlichen Engagements werden kommunale Anlaufstellen geschaffen bzw. ein entsprechendes Management eingerichtet.
  • Der Erhalt und die Verbesserung der dörflichen Infrastruktur, insbesondere im Dienstleistungsbereich, haben besonderes Gewicht. Neben den gezielten kommunalen und staatlichen Förderungen kann das bürgerschaftliche Engagement in vielen Fällen wertvolle Hilfe leisten. In diesem Zusammenhang soll die Mehrfachnutzung von öffentlichen Gebäuden wie z.B. Schulen, Kindergärten, Rathäuser erleichtert werden.
  • Für kleinere Kommunen oder großräumigere Projekte sollen gemeindeübergreifende Lösungen gesucht werden. Lokale Unternehmen und örtliche Presse sind in alle Aktionen einzubeziehen.

Das Mediendorf

  • Für alle zukunftsorientierten Dörfer ist der Einsatz neuer Medien unverzichtbar. Die technische Infrastruktur hierfür ist in den ländlichen Räumen vorhanden. Entscheidend ist, daß klare Ziele formuliert und maßgeschneiderte Anwendungen entwickelt werden, um den besonderen dörflichen Voraussetzungen gerecht zu werden. Der Medieneinsatz führt nicht zu einer Verarmung der Kommunikationsstruktur im Dorf, er bereichert und ergänzt sie.
  • Im Vordergrund stehen Maßnahmen zur Schaffung einer breiten Medienkompetenz und -akzeptanz in der Bürgerschaft. Dabei kommt es darauf an, zielgruppenspezifische Programme (für Jugendliche, Gewerbetreibende, Senioren) mit einer übergreifenden öffentlichen Medienkultur zu verbinden. Beispiele sind: kommunale Online-Terminals, Medienstammtische und Internet-Werkstätten.
  • Durch eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Online-Bürgern wird ein positives Klima geschaffen, das die wirtschaftliche Entwicklung des Dorfes beflügelt. Bestehende Unternehmen werden zur Anwendung neuer Medien motiviert, Existenzgründer angezogen und die Attraktivität des Standorts für Firmen aus der innovationsstarken Medien- und IT-Branche gesteigert.
  • Mit Hilfe neuer Medien kann das Dienstleistungsangebot für den Bürger erhalten und verbessert werden. Entscheidend sind dabei Anwendungen und Inhalte, die den öffentlichen Bedürfnissen gerecht werden. Dazu kooperiert das Mediendorf gezielt mit anderen Kommunen, Verwaltungen und privaten Anbietern. Die Dienstleistungen dürfen nicht nur im Netz angeboten werden, sie müssen auch vor Ort in Bürgerbüros etc. erreichbar sein.
  • Für den erfolgreichen Einsatz neuer Medien im Dorf ist es unverzichtbar, daß die Bürger in die Gestaltung der Inhalte und Anwendungen einbezogen werden. Auf diese Weise wird die aktive Mediennutzung zur Querschnittaufgabe und zum Katalysator für alle Bereiche der dörflichen Entwicklung. Phantasievolle und maßgeschneiderte Angebote ermöglichen neue Formen der Bürgerbeteiligung, der Tourismusförderung und der kulturellen Vielfalt.

Das Kulturdorf

  • Neue Strukturen im ländlichen Raum verändern auch das Denken dort. Kulturelle Bedürfnisse verschieben sich. Eine Kulturkonzeption für den ländlichen Raum ist die Konsequenz.
  • Kulturdorf ist mehr als Dorfkultur. Nicht jedes Dorf kann Kulturdorf werden, aber jedes Dorf soll Dorfkultur haben.
  • Kultur schafft Arbeitsplätze. Der Förderung von Kultur ist deshalb der selbe Stellenwert gegenüber vergleichbaren Fördermaßnahmen beizumessen.
  • Basis des Kulturdorfes sind Künstler und Kreative. Ihr Wert muß erkannt, gefördert und unterstützt werden. Dazu gehört auch die kulturelle Aufgeschlossenheit der Bevölkerung.
  • Dörfer müssen national und international kooperieren, um sich im kulturellen Wettbewerb zu profilieren.

Das Tourismusdorf

  • Die Dörfer im ländlichen Raum können sich mit dem Tourismusdorf profilieren. Hochwertige Angebote: eine intakte Kulturlandschaft, ein attraktives Dorfbild und gastfreundliche Bürger sind dafür Voraussetzung. Sie schaffen ein unverwechselbares Image.
  • Das Tourismusdorf braucht ein Tourismusleitbild, das von allen Bürgern gemeinsam entwickelt und fortlaufend aktualisiert wird.
  • Das Tourismusdorf muß sich über Themen, Produkte oder qualitätsorientierte Angebote – auch in Kooperation mit anderen Tourismusdörfern – eindeutig am Markt positionieren. Mit den neuen Medien kann das Marketing verbessert und der Service für den Gast optimiert werden.
  • Die Einbindung in eine am Markt wahrnehmbare größere Region ermöglicht dem Tourismusdorf die Konzentration auf die Angebotsgestaltung und Produktentwicklung, während die Außenvermarktung regional organisiert wird.
  • Der Gast soll sich als "Bürger auf Zeit" wertgeschätzt fühlen. Dem Gast wird ein dauerhafter Dialog angeboten.

Das Generationendorf

  • Das traditionelle 3-Generationendorf hat sich gewandelt. Ein neues mehrschichtiges Verhältnis zwischen den Generationen ist entstanden: Kinder, "Kids", Jugendliche; junge Erwachsene; "junge" Alte, Senioren; Einheimische, Zugewanderte. Die Beziehungen zwischen den Generationen müssen neu ausgehandelt werden, damit Identität, soziale Geborgenheit und Vertrautheit - "Heimat" im Dorf entsteht.
  • Die Weiterentwicklung der sozialen dörflichen Infrastruktur und eine neue Kommunikationskultur sind notwendig. Sie sind wichtiger Teil der "weichen Standortfaktoren", die zunehmend an Bedeutung gewinnen.
  • Weiterentwicklung der dörflichen Infrastruktur heißt - auf das Generationenverhältnis bezogen - Maßnahmen zu unterstützen, die Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung fördern, Familien entlasten, die Kooperationen zwischen den Generationen mit neuen Ansätzen und Projekten zu stärken und dabei geschlechtsspezifisch zu differenzieren. Dabei spielen präventive Aspekte eine zentrale Rolle, um die Entstehung von sozialen Konflikten von vornherein zu verhindern. Insgesamt geht es dabei weniger um die Durchführung von Einzelmaßnahmen, als um die Entwicklung eines integrierten sozialen Netzwerkes im Dorf.
  • Eine neue Kommunikationskultur im Dorf mit dem Ziel, bürgerschaftliches Engagement auch für das soziale Netzwerk zu nutzen, muß stark auf die praktische Umsetzung von Ergebnissen aus der Bürgerbeteiligung setzen.
  • Um das Zusammenleben der Generationen im Dorf zu stützen, sind soziale Netzwerke zu entwickeln. Veränderte Förderbedingungen sind dafür Voraussetzung. Die Orientierung an der gängigen Förderpraxis erschwert die Weiterentwicklung der sozialen Infrastruktur im Dorf und die Umsetzung von Ideen, die "von unten" entwickelt werden. Deshalb soll sich die Förderpraxis zum Grundsatz machen: "Förderung von sozialraumorientierten Netzwerken statt Förderung von Einzelmaßnahmen".

Die Teilnehmer kommen überein, dass der in Konstanz begonnene internationale Dialog über den Kongress hinaus fortgeführt werden soll. Das "Neue Dorf" soll zu einem offenen Forum werden: Offen für den Austausch von Erfahrungen und neuen Ideen. Es soll zu einem "coming together" werden, wo jeder auf die Unterstützung des anderen zählen kann, wo jeder zum verlässlichen Partner des anderen wird, um gemeinsam die Zukunft des ländlichen Raumes zu gestalten.


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